Südtirol

Mobbing in Südtirol

7. Februar 2019

Mobbing ist ein Thema, das mich sehr berührt – nicht nur als Mama. In meiner Kindheit habe auch ich Erfahrungen mit Mobbing gemacht: Das sind Erinnerungen, die ich nur zu gerne verdränge und die mich trotzdem nachhaltig geprägt haben. Und leider ist das Mobbing seit damals nicht weniger geworden!

Mobbing kann Jeden treffen!

Mobbing in Südtirol Forum Prävention Vortrag Mobbing und Cybermobbing

Trotz vieler Maßnahmen und Initiativen, die in den letzten Jahren in Südtirol gestartet wurden, um Mobbing zu reduzieren und Präventionsarbeit zu leisten, gibt es vielfach noch Mobbing – bereits in den Grundschulen. Aus diesem Grund fand am gestrigen Abend (06.02.2019) ein Informationsabend mit Lukas Schwienbacher vom Forum Prävention in Zusammenarbeit mit dem Schulnetzwerk Klausen und dem Jugenddienst Unteres Eisacktal zum Thema Mobbing statt. Auf dem Infoflyer stand folgendes zu lesen:

„Die Präventionsarbeit muss auf individueller Ebene passieren, wo ich der Meinung bin, dass Kinder und Jugendliche das Recht haben, sich so zu entwickeln, dass sie ihre Lebenskompetenzen ständig erweitern können. Es gilt die grundlegenden „Social Skills“ zu trainieren. Sie sollen auf vielfältige Weise im Elternhaus, in Kindergarten, Schule und Gesellschaft lernen, Konflikte konstruktiv zu lösen, Empathie für andere Menschen zu entwickeln und eine gewaltablehnende Haltung einzunehmen.“

Das hat mich neugierig gemacht. Was wir vom Informationsabend mitnehmen konnten -und was Mobbing eigentlich ist, dass erfährst du jetzt. Los geht’s!

Was ist Mobbing?

Der Begriff Mobbing kommt aus dem Englischen: „to mob“ bedeutet anpöbeln, traktieren oder schikanieren. Im englischen und italienischsprachigen Raum wird zudem zwischen Mobbing unter Erwachsenen und Bullying unter Kindern und Jugendlichen unterschieden. Diese Trennung gibt es im Deutschen nicht!

Sag nein zum Mobbing Forum Prävention Südtirol
Forum Prävention – www.forum-p.it

Mobbing gibt es auch bei uns in Südtirol, doch es findet meist versteckt statt, was ein Hinschauen schwierig macht. Manchmal wird es auch nicht erkannt oder Erwachsene schauen weg, weil Sie sich nicht richtig zu verhalten wissen. Doch

„Kinder brauchen eine Kultur, die hinschaut!“

so Lukas Schwienbacher vom Forum Prävention. Von Mobbing betroffene Kinder brauchen Erwachsene, die sie begleiten, nach Lösungsstrategien suchen und richtig handeln. Aber was ist Mobbing eigentlich?

Konflikt, Gewalt, Mobbing

Mobbing ist eine Art von Gewalt; doch nicht jede Gewalt ist Mobbing. Im Gegensatz zum Konflikt zwischen Kindern und Jugendlichen, weist Mobbing bestimmte Komponenten auf:

  • die Mobbing-Spirale kreist um 1-2 Personen
  • Mobbing weist Verhaltensweisen im Sinne von Gewalt (instrumenteller Art wie Vandalismus, Schlägereien, Waffengewalt und/oder emotionaler Art wie Ausgrenzung, Abwertung, Demütigung, Zwang, Gewaltandrohung, Liebesentzug, Vernachlässigung, strukturelle Gewalt) auf
  • unschöne Verhaltensweisen passieren wiederholt und über einen längeren Zeitraum
  • absichtliche, systematische Demütigung und Ausgrenzung
  • geplante und verdeckte Aktionen
  • es herrscht ein Macht-Ungleichtgewicht und Betroffene sind hilflos
  • Mobbing ist ein Gruppenphänomen

Mobbing ist eine Spirale: Wenn es dazu kommt, sollten wir Erwachsenen nicht einen Schuldigen suchen, sondern den Kindern und Jugendlichen zur Seite stehen. Nur so können alle Akteure von Mobbing gemeinsam im Miteinander neue Wege finden!

Was tun bei Mobbing Erste Hilfe bei Mobbing in Südtirol

Warum und wie kommt es zu Mobbing?

Mobbing tritt am Häufigsten bei Jugendlichen zwischen 7 und 14 Jahren auf. Gewalt ist für Kinder eine Art des Ausdrucks: Bereits in den frühen Kinderjahren probieren Kleinkinder sich an daran aus, z.B. durch Toben oder Zwicken. Für Kleinkinder kann dies eine Art sein, einen Konflikt zu lösen.

Später müssen unsere Kinder und Jugendlichen lernen, einen Konflikt untereinander und miteinander konstruktiv zu lösen! Und gerade in dieser Phase ist es wichtig, dass wir unsere Jugend durch diesen Prozess begleiten. Denn bleiben Konflikte ungelöst oder verdichten sich, kommt es zu Mobbing und die Mobbingspirale beginnt sich zu drehen. 

Warum es zu Mobbing kommt, ist sehr unterschiedlich und viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Dabei sollte niemandem die Schuld zugewiesen werden, weder dem Mobbenden – noch dem Betroffenen, die leider die Schuld für’s Mobbing oft bei sich selbst suchen!

Es gibt nicht das eine Motiv für Mobbing und Auslöser können vielseitig sein: Oft haben Mobber selbst eine Geschichte voller Gewalt hinter sich, haben vielleicht häufig ein Gefühl der Ohnmacht in der Familie oder anderen Bereichen erfahren, sind vielleicht Opfer sexueller Übergriffe oder wurden oder werden selbst ausgegrenzt. Mobber wollen sich stark fühlen, das Gefühl der eigenen Ohnmacht überwinden, Anhänger finden, ihr Selbstwertgefühl aufbauen oder sie haben das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Es ist auch möglich, dass ihre Fähigkeiten im schulischen Kontext nicht wichtig sind und sie sich anders hervorheben möchten – oder Neid kann eine Rolle spielen.

Wer wird zum Mobbing-Betroffenen?

Mobbing kann grundsätzlich Jeden treffen, unabhängig von der sozialen Herkunft. Relevant ist vor allem die Position im sozialen Gefüge: Dabei reicht es nicht aus, anders zu sein, als der Rest einer Gruppe (z.B. eine andere Sprache zu sprechen oder eine andere Hautfarbe zu haben). Erst wenn einen der Rest auch so definiert: „anders“, dann kann es Mobbing kommen.

Diese Abweichung von den sozialen Normen kann ganz unterschiedlich sein: Eine andere Sprache, Kultur oder Aussehen. Eine kleine Beeinträchtigung. Man stammt aus einer ganz bestimmten Familie, die vielleicht schon immer Außenseiter war oder ganz einfach neu in eine Gegend zugezogen ist.

Wie ist Mobbing strukturiert?

Beim Mobbing gibt es unterschiedliche Akteure. Je nachdem, zu welcher Gruppe man gehört, gilt es unterschiedlich zu handeln, wenn es zu Mobbing (im schulischen Umfeld, außerhalb der Schule oder im Verein) kommt. Die Akteure sind:

Akteure von Mobbing Suedtirol

Die Akteure spielen, ähnlich wie Schauspieler in einem Stück, alle eine Rolle beim Mobbing. Und ebenso kann Jeder etwas gegen Mobbing machen! Und das ist auch schon der wichtigste Punkt, der als erstes gemacht werden sollte:

Die Mobbingspirale stoppen!

Bevor wir uns aber anschauen, was alle Akteure unternehmen können und wie Sie handeln könnten, werfen wir noch einen kurzen Blick darauf, wie wir Mobbing vorab verhindern können.

Was können wir präventiv gegen Mobbing tun?

Damit dieser Strudel gar nicht erst in Gang kommt, müssen wir unseren Kindern vorleben, Konflikte konstruktiv zu lösen und ihnen den richtigen Umgang im sozialen Gefüge beibringen. Angemessenes Sozialverhalten muss von Kindern und Jugendlichen erst erlernt werden! Dazu zählt auch, dem „anders sein“ in der Familie Normalität und einen Wert zu geben.

Außerdem können wir im Alltag mit unseren Kindern deren Selbstwertgefühl aufbauen! Wir sollten unseren Kindern partnerschaftlich begegnen, sie wertschätzen und ihnen Anerkennung geben. Und zwar in allen vielfältigen Facetten, die uns unsere Kinder zeigen. Merke: „Du bist gut so, (egal) wie du bist – und nicht, was du tust!“

Diese partnerschaftliche Art der Erziehung hat auch hier auf unserem Blog ihren Platz. Was bei kleinen Kindern unter „Attachment Parenting“ oder auch bindungsorientierter Elternschaft bereits Einzug in viele Haushalte gefunden hat, sollte später seine Fortsetzung in einer demokratisch-partnerschaftlichen Erziehung finden, wie sie u.a. der dänischen Familientherapeuten Jesper Juul aufzeigt!

Damit wir Mobbing erkennen können, sollten wir unser Kind und sein soziales Umfeld kennen. Da helfen regelmäßige Gespräche über Freunde und die Klassengemeinschaft, z.B. über Fragen wie: Wie gerne bist du in deiner Klassengemeinschaft? Wer sind deine Freunde? Warum sind die anderen keine Freunde?

Außerdem sollten wir Eltern regelmäßig den Kontakt zu Lehrpersonen im schulischen Umfeld halten, die uns Eltern erklären können, wie sie das Kind im schulischen Umfeld und in der Klassengemeinschaft erleben. Nur so können wir frühzeitig und rechtzeitig Einschreiten!

Forum Prävention was tun bei Mobbing in der Schule

Was tun, wenn gemobbt wird?

Was können Eltern von Betroffenen tun, um Spirale zu stoppen?

  • die Signale unserer Kinder beachten und versuchen, sie zu verstehen
  • die Situation ernst nehmen!
  • ein Gespräch mit dem Kind führen (siehe Gesprächsleitfaden), nachfragen was los ist und erklären, dass es keine Schuld an dieser Situation hat
  • Freundschaften fördern, statt 10 Sprachen
  • keine Vorwürfe machen oder vorschnellen Ratschläge geben
  • Lehrpersonen um Mithilfe bitten
  • „Coaching des Kindes“: Befähigung sich in andere Perspektiven einzufühlen, die Befähigung geben, selbst etwas zur Intervention zu tun!
  • Kontaktaufnahme mit Mobber vermeiden!
  • bei Bedarf externe Unterstützung holen (z.B. Erstberatung Mobbing)
  • gemeinsam mit dem Kind ein kleines Tagebuch führen

Das können Eltern von Mobbern tun, wenn sie darauf aufmerksam werden:

  • sofortiges Löschen der entsprechenden Inhalte veranlassen
  • mit dem Kind sprechen (Warum? Wie würdest du dich fühlen?)
  • nicht das Kind ist das Problem, sondern sein Verhalten
  • versuchen im Gespräch herauszufinden, warum dein Kind das macht
  • machen Sie auf die Folgen (Leid) aufmerksam
  • Mobbing-Aktivitäten unverzüglich einstellen!
  • bei Uneinsichtigkeit: Stecker raus! (im Fall von Cybermobbing)
  • Kontakt mit anderen Eltern aufnehmen, deren Kinder ebenfalls am Mobbing beteiligt sind
  • Kontakt zur Schule aufnehmen, Thema sollte thematisiert werden, z.B. bei einem Elternabend oder einer Lehrerfortbildung des Forum Prävention

Was ist Cybermobbing?

Cybermobbing zeichnet sich durch wiederholte emotionale Gewalt im virtuellen Raum aus. Hier gelten ähnliche Komponenten, wie beim (offline) Mobbing: Eine Person wird systematisch beschimpft oder belästigt, körperliche Gewalt wird angedroht, es werden geschmacklose Fotos und Filme versendet und Betroffene fühlen sich hilflos und ausgeliefert, was für sie sehr belastend sein kann. Wie können wir als Eltern aber das versteckte Cybermobbing erkennen?

  • Kind wird zusehends verschlossener
  • Kind zieht sich zunehmend zurück oder zeigt auffälliges Verhalten
  • körperliche Beschwerden (Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen)
  • das Internet und Social Media wird weniger genutzt
  • bei Nutzung von z.B. WhatsApp schaut das Kind verstört

Wie kann ich im Fall von Cybermobbing vorgehen?

  • Sofortige Löschung veranlassen
  • nicht reagieren oder antworten!
  • Beweise sichern (Screenshots, Foto von Bildschirm)
  • Kind schützen = Akteure sperren und aus Kontaktliste streichen
  • Vorfälle dem Anbieter melden
  • Verbündetet und erwachsene Vertrauensperson suchen
  • nicht vorschnell mit Eltern möglicher Akteure sprechen
  • im Schulumfeld: Lehrpersonen / Direktion informieren
  • in besonders schlimmen Fällen: Post- Kommunikationspolizei, Garante oder Kinder- und Jugendanwaltschaft informieren
  • Nichtnutzung von Handy und Internet hat selten Erfolg!

Weitergehende Links:
Forum Prävention
Informationsbroschüre „Sag nein zu Mobbing“
Mehr zur italienischen Gesetzeslage bezüglich Cyber-Mobbing

Webtipp:
Auf dem Blog von Nenalisi (Link) findest du Geschichten von Betroffenen: Wie fühlen sie sich? Wie ist es ihnen ergangen? Welche Maßnahmen haben geholfen?

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